Portrait

Die Junge Union Görlitz ist ein Kind der Wende

von Michael Kretschmer (Mitglied des Deutschen Bundestags und ehemaliges JU-Mitglied)

Mit Herzklopfen standen wir im dunklen und kalten Oktober 1989 vor der Görlitzer Frauenkirche. Um halb sieben begann das Friedensgebet. Schon eine Stunde vorher belagerten die Menschen die noch geschlossenen Kirchentüren. Gerüchte wurden gemurmelt, die Stasi filmte aus den Wohnhäusern die Menschenmenge und Wasserwerfer stünden in den Nebenstraßen... War es doch zu mutig, hierher zu kommen? Meine Eltern hatten es mehrfach verboten, sie hatten Angst vor der Polizei und der Staatssicherheit. Doch dann öffneten die Kirchentüren. Mehrere tausend Görlitzer strömten in diesen hell erleuchteten, warmen Raum. Sobald wir die Frauenkirche betreten hatten, fühlten wir uns sicher. Die Kirche war zum Schutzraum geworden.

Die Wurzeln der JU lagen im Wendeherbst ganz klar im kirchlichen Raum. Die ersten Mitglieder kamen aus den Jungen Gemeinden und der katholischen Jugendarbeit. Kennen gelernt haben sich damals auch viele Mitglieder bei den Friedensgebeten.

Auch heute sage ich in Erinnerung an diese Zeit zu mir selbst: Gott sei Dank - und das wörtlich gemeint. Von einem Tag auf den anderen hatte ich das Gefühl, erwachsen zu sein. Ganz gleichberechtigt fanden die Diskussionen zwischen uns jüngeren und den älteren Mitgliedern statt. Ich hatte das erste Mal selbst einen eigenen Standpunkt, der auch in Diskussionen Bestand hatte. Es ging um die Frage, ob die FDJ aus den Schulen verschwinden sollte oder die neu gegründeten Jugendorganisationen auch einen Zugang zu den Schulen bekommen sollten. Heute scheint die Antwort klar, damals war es eine echte Auseinandersetzung, die am Ende richtiger Weise dazu geführt hat, dass politische Organisationen nichts in Schule verloren haben.

Es war eine Zeit der Veränderungen. Noch gut erinnere ich mich, wie ich mich für einen Lehrer engagiert habe. Ich habe ihn sehr geschätzt und als die Frage gestellt wurde, welche Pädagogen im neuen Schuldienst bleiben sollten und welche Lehrer gehen mussten, war auch einer meiner eigenen Lehrer betroffen. Ich fand, es sei ein guter Pädagoge, aber er war eben auch SED-Funktionär. Er musste den Schuldienst verlassen, und es war nicht das letzte Mal, dass ich mich gefragt habe, ob es richtig oder falsch ist, was passiert. Gerecht oder ungerecht, notwendig oder unvermeidbar, Entscheidungen, die für einzelne Personen negativ, aber für das Ganze unumgänglich sind? Die Zeit, als jede Botschaft auf ungeteilte Zustimmung traf, war schnell nach den Friedensgebeten zu Ende. Politik  machen, bedeutet auch mit Widerspruch zu recht zu kommen - als Jugendlicher mit damals 15 Jahren ist das nicht einfach.

Später habe ich viel mit Menschen zu tun gehabt, die in der DDR wirklich gelitten hatten, deren Biographie zerstört wurde, weil sie aus politischen Gründen nicht zum Abitur oder Studium zugelassen wurden. Natürlich war und ist es richtig, dass die CDU gerade für diese Gruppe die politische Heimat bietet.

Auch ich kam durch die Kirche zur CDU. Freunde aus meiner Gemeinde waren ganz zu Beginn bei der neuen CDU dabei. Auf der Suche nach dem eigenen politischen Fundament habe ich viel über Ludwig Erhard und die Soziale Marktwirtschaft gelesen, Biographien von Helmut Kohl und Franz-Josef Strauß verschlungen.

Die Junge Union ist ein Kind der Wende, denn in der DDR gab es nur eine politische Jugendorganisation, die Freie Deutsche Jugend. Die FDJ war ganz klar im Griff der SED. Und dieser FDJ sollte auf keinen Fall eine Konkurrenz entstehen. Deshalb durften die Blockparteien keine eigenen Jugendorganisationen gründen. Als sich im Wendeherbst 1989 in Görlitz die Junge Union  gründete, hieß sie zunächst Christlich Demokratische Jugend (CDJ). Im Freistaat Sachsen hieß die CDJ im Übrigen am Anfang "Sachsen und Görlitz" und kurze Zeit später "Sachsen & Niederschlesien". Diese Besonderheit gehört zur Gründungsgeschichte unseres Landesverbandes und ist Ausdruck der damals leidenschaftlich geführten landsmannschaftlichen Diskussionen. Denn in Görlitz, Niesky, Weißwasser und auch in Hoyerswerda fühlten sich viele Menschen vor allem als Niederschlesier und erst dann als Sachsen. Auch wenn die Zugehörigkeit zum Freistaat Sachsen gewünscht war, hat sich dieser Name auch nach der Deutschen Einheit gehalten. Die Junge Union im Freistaat Sachsen heißt Landesverband Sachsen & Niederschlesien. Mehrere Landestage hatten sich gerade in den 1990er Jahren mit Anträgen befassen müssen, die das "Niederschlesien" aus dem Namen streichen wollten. Es ist der Görlitzer Jungen Union immer gelungen, genügend Verbündete zu finden, um den Namen zu sichern.

Auch 1989/90 waren die Aktivitäten der Jungen Union im heutigen Landkreis Görlitz unterschiedlich ausgeprägt. In Zittau waren sie eng mit den Namen Michael Scholze und Silke Schoepe verbunden. Unser Landtagsabgeordneter Stephan Meyer hat im ehemaligen Landkreis Löbau-Zittau ebenfalls als Kreisvorsitzender begonnen.

In der Stadt Görlitz war ein prägendes Gesicht der spätere JU-Landesvorsitzende Maik Grüllig, er arbeitet heute noch in der Kreisverwaltung. Als einer der wichtigsten Kreisvorsitzenden in Görlitz ist außerdem Matthias Riedel zu nennen, der leider viel zu früh an einer Krebserkrankung gestorben ist. Über viele Jahre hat Markus Franke den Verband geführt, ihn kennen viele als den ehemaligen Persönlichen Referenten der Ministerpräsidenten Georg Milbradt und Stanislaw Tillich. Im Norden war schon ganz zu Beginn der heutige Vorsitzende der CDU in Bad Muskau, Alexander Quint, aktiv.

Die Junge Union in Görlitz hatte 1990 einen wichtigen Anteil an der Erneuerung der CDU. Im diesem Jahr wurde unser heutiger CDU Landesgeschäftsführer Stephan Lechner zum Kreisgeschäftsführer der Görlitzer CDU gewählt. Ohne Zweifel war einer der Höhepunkte der Deutschlandtag der Jungen Union 1996 in der Stadthalle.

Heute wird die Junge Union von Tina Hentschel geführt. Der Kreisverband Görlitz hat knapp 50 Mitglieder. Nicht immer geliebt, aber am Ende meist erfolgreich, hat sich die JU in den vergangenen zwanzig Jahre als Treiber bei der Parteiarbeit betätigt. Triebkraft soll sie auch in Zukunft sein.